Bildergeschichte: Nichts für schwache Nerven

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als auf der Terrasse plötzlich so ein riesiges Insekt saß. Ehrlich gesagt wusste ich nichtmal, dass es die hier in unseren Gefilden überhaupt gibt. Auf jeden Fall hatte ich NIE zuvor so ein grünes , majestätisches Tierchen in freier Wildbahn gesehen. Und heute waren es gleich zwei! Was ich meine: Gottesanbeterinnen. Fangschrecken. Mantis Religiosa.

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Der NaBu hat das anmutige Krabbeltier übrigens zum Insekt des Jahres 2017 gekürt und es zum Gewinner des Klimawandels erklärt. Das mit den Gewinnern werden wir sehen – ich war auf jeden Fall super fasziniert und musste gleich Kinder und Kamera schnappen und den Rest des Nachmittags vor dem Basilikumbusch verbringen.

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Die europäiscche Gottesanbeterin steht auf der roten Liste und gehört damit zu den gefährdeten Insekten. Heimisch ist sie vor allem im Süddeutschen Raum. Durch den Klimawandel und die damit verbundenen, steigenden Temperaturen verbreitet sie sich aber immer weiter Richtung Norden, so dass sie wohl in absehbarer Zeit von der roten Liste genommen werden kann. Bis dahin gilt: Das Fangen und Festhalten oder gar Töten dieser Tiere ist VERBOTEN und damit STRAFBAR.

 

Da saßen wir also. Die beiden Neonzwerge und ich – und starrten völlig gebannt auf diese beiden grünen Aliens. Lange Beine, große Augen, ein riesiger Mund und ein dreieckiger Kopf, der sich immer in unsere Richtung drehte. Es dauerte nicht lange und WIR fühlten uns beobachtet. Die Jungs waren ganz ruhig, bewegten sich sehr vorsichtig und beinahe so anmutig wie die Fangschrecken selbst. Der Große beschloss irgendwann, mit den vermeintlichen Außerirdischen Freundschaft zu schließen und bot ein  High Five an. Dass das für so eine Gottesanbeterin allerding ein bisschen zu mächtig sein könnte, begriff er noch im gleichen Moment und streckte zaghaft seinen Finger aus. Das Insekt tat es ihm gleich. Check!

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Ich saß mit offenem Mund daneben. Papa hatte kurz vorher die Kamera übernommen und drückte schnell auf den Auslöser. Kinder und Tiere – und seien sie noch so klein – das ist immer irgendwie besonders. Nach dieser freundschaftlichen Kontaktaufnahme beobachteten wir weiter und schauten den Tierchen beim Flügel ausstrecken, sich putzen und einfach beim „Wandern“ von Blatt zu Blatt zu.

Die Jungs spielten zwischendurch oder holten sich was zu Trinken. Und doch wurden sie immer wieder von den Gottesanbeterinnen angezogen und schauten alle paar Minuten wieder zu. Das zog sich den ganzen Nachmittag.

Irgendwann kippte die Stimmung allerding – erstaunlicherweise nicht bei den Jungs – sondern bei den Insekten.

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Eine Gottesanbeterin prischte sich langsam an die andere heran und sprang plötzlich auf die andere drauf. Das ganze dauerte Sekundenbruchteile und beide hatten sich ineinander verkleilt und knabberten an der jeweils anderen herum. Innerhalb weniger Minuten konnte man erste Fraßspuren an dem einen Tier erkennen. Das andere schien etwas robuster zu sein.

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Am Ende des Kampfes, der länger als eine halbe Stunde dauerte, flüchtete sich das verletzte Tier in den Salbei und „schleckte“ seine Wunden. Das tat es wirklich. Immer und immer wieder untersuchte die Unterlegene ihr Bein und strich mit ihrem dem Mund darüber. Das Tier bewegte sich so wenig wie nötig und nutze das angefressene Vorderbein kaum noch. Es sah beinahe nach einer Schonhaltung aus.

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

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Wir haben uns im Anschluss an unsere Beobachtungen, geemeinsam mit den Jungs, mit der Frage beschäftigt, ob Insekten Schmerzen haben können. Die meisten wissenschaftlichen Artikel gehen davon aus, dass dem nicht so ist. Auch das deutsche Tierschutzgesetz stellt das Quälen oder gar Töten von Insekten nicht unter Strafe (Ausgenommen sind gefährdete Tiere). Alexander Borst vom Max Planck Insitut stellt zB. klar: „Ein Insekt mit einem kaputten Bein läuft genauso wie vorher, ohne das Bein sichtbar zu schonen.“ Auch Heuschrecken fressen einfach weiter, während sie selbst von einer Gottesanbeterin verspeist werden.“*

Unsere Beobachtungen könnten uns anderes vermuten lassen. Allerdings gehen wir bei unseren Interpretationen stets von uns aus. Von einer menschlichen Idee von Schmerz und damit verbundenen Verhaltensweisen. Diese lassen sich, wissenschaftlich betrachtet, natürlicht nicht so ohne weiteres auf Insekten beziehen.

*Artikel „Schmerz lass nach – Wie gehts dem Wurm am Haken?“aus der Süddeutschen Zeitung 19.05.2010

 

Übrigens saß die „Gewinner-Fangschrecke“ nach ihrem Triumph GANZ oben im Basilikumbusch und machte keine Anstalten, diesen Platz jemals wieder zu räumen.

 

Fangschrecke, Gottesanbeterin, Heimisch in Deutschland, Mantis Religiosa

 

Irgendwie haben die zwei grünen Langbeine mich an die Jungs erinnert. Sitzen einträchtig nebeneinander und plötzlich, springt der eine auf den anderen. Ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund. Hier sind zwar noch alle Gliedmaßen vollständig, aber zu kleineren Kollateralschäden kommt es bei den Kämpfen im heimischen Wohnzimmer doch immer wieder. Aber, so hat es Dr. Mama Arbeitstier in einem, übrigens sehr lesenswerten, Blogartikel über Bruderliebe, auf den Punkt gebracht: Sie leben noch. Beide. Soll erfüllt.

Ich sage nur: Mehr Zeit vor Basilikumbüschen bringt oft ungeahnte Überraschungen! Zum Beispiel eine entspannende Pause beim Ausleben genau dieser turbulenten Bruderliebe. 😉

Achja: Am nächsten Morgen saßen unsere beiden grünen Freunde wieder ganz einträchtig zusammen. Im Basilukumbusch. Ganz oben. Ist eben doch langweilig, so ganz alleine…!

One Reply to “Bildergeschichte: Nichts für schwache Nerven”

  1. SUPER! Eines Tages muss ein Buch drauss werden. 🙂

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